Pierre d'Ailly (1350/1-1420)

von Thorwald C. Franke

Abb. 1 Der französische Theologe und Kleriker Pierre d'Ailly (1350/1-1420)

Pierre d'Ailly, lat. Petrus de Alliaco, war französischer Theologe und Kardinal. Im Jahr 1415 spielte Pierre d'Ailly auf dem Konzil von Konstanz eine führende Rolle; er war dort auch Mitglied der Inquisitionskommission gegen Johannes Hus. Aufgrund einer Argumentation von Pierre d'Ailly wurde Johannes Hus als Ketzer verurteilt und verbrannt, obwohl ihm freies Geleit zugesichert worden war.

Um das Jahr 1380 veröffentlichte Pierre d'Ailly das Werk Super De consolatione philosophiae Boethii, das jenes Werk des spätantiken Autors Boethius bespricht, in dem Platons Timaios zum letzten Mal in der Spätantike besprochen wurde. Darin zitiert d'Ailly zwanglos eine Aussage des ägyptischen Priesters zu Solon über die Verfassung Ägyptens [1]. Später referiert er ausführlich von Solon in Ägypten, von den 9000 bzw. 8000 Jahren, und von den zwei gegründeten Städten, womit er auch Atlantis explizit anspricht. [2]

Allerdings hat Pierre d'Ailly diesen Abschnitt mit einem Vor- und Nachwort eingerahmt: Davor weist er darauf hin, dass hier ein Widerspruch zur kirchlichen Lehre vorliegt, derzufolge das Alter der Welt bis zu Christi Geburt nur 6200 Jahre betragen habe. Danach stellt er die Glaubwürdigkeit der Ägypter infrage, ob diese überhaupt ein Wissen aus der Zeit vor der Sintflut haben könnten. Deshalb sei es angebracht, der kirchlichen Lehre zu folgen, und die Angaben Platons zu negieren, so d'Ailly. In einem Nachsatz erlaubt sich Pierre d'Ailly dann noch, eine Möglichkeit anzugeben, wie man die Angaben Platons doch mit der kirchlichen Lehre in Einklang bringen könnte: Er präsentiert die Idee der Mondjahre. [3]

Damit hat Pierre d'Ailly praktisch dieselbe Argumentation wie Thomas Bradwardine [4] geführt. Man fragt sich, warum er die Angaben Platons und anderer Autoren ausbreitet, nur um sie zu negieren? Warum wird dann noch die Möglichkeit der Mondjahre nachgeschoben? Es bleibt dabei nämlich offen, ob Pierre d'Ailly die Möglichkeit der Mondjahre auch für sich selbst in Anspruch nehmen möchte. Wenn nicht, warum präsentiert er dann diese Möglichkeit? – Wir wissen es letztlich nicht und können Pierre d'Ailly auch nicht leichtfertig zu einem Anhänger von Platons Angaben deklarieren, aber es sieht fast so aus, als habe Pierre d'Ailly seine Argumentation so aufgebaut, damit er damit nicht ins Gehege der Inquisition kommt: Obwohl er ketzerische Aussagen zu Papier gebracht hat, ist er doch ein treuer Sohn der Kirche geblieben.

Im Jahr 1410 veröffentlichte Pierre d'Ailly dann ein Werk unter dem Titel Imago mundi, das wie andere Werke dieses Namens das Weltwissen, vor allem aber auch die Geographie der Welt, darlegte. Dieses Werk soll eine der Inspirationen für Christoph Kolumbus gewesen sein, den Seeweg nach Indien über den Atlantik zu suchen. In diesem Werk findet sich nicht der kleinste Hinweis auf Platons Atlantiserzählung, Pierre d'Ailly konzentriert sich ganz trocken auf die existente Welt und erlaubt sich nirgendwo einen Exkurs oder weiterführenden Kommentar, der auf die Atlantiserzählung anspielen würde.





Anmerkungen und Quellen

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Dieser Beitrag von Thorwald C. Franke (©) wurde seinem im Juli 2016 veröffentlichten Buch Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis (Unterkapitel: "Pierre d'Ailly (1350/1-1420)"; S. 242-243) entnommen. [5] Bei Atlantisforschung.de erscheint er - mit freundlicher Genehmigung des Verfasser - im Juni 2017 in einer redaktionell bearbeiteten Online-Version.

Fußnoten:

  1. Siehe: Pierre d'Ailly, Super De consolatione philosophiae Boethii 12
  2. Siehe: Pierre d'Ailly, Super De consolatione philosophiae Boethii 91-92
  3. Siehe: Pierre d'Ailly, Super De consolatione philosophiae Boethii 90, 93-94
  4. Siehe: Thorwald C. Franke, "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis", Norderstedt (BoD), 2016, S. 242 - ISBN 978-3-7412-5403-1
  5. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: Bernhard Beier, "Ein Buch, das neue Maßstäbe in der Atlantologie-Historik setzt - Rezension zu: Thorwald C. Frankes Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis - Von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne"

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